Die Hess Gruppe: ein Unternehmen in Bewegung
Von Dr. Peter M. Binder*
Das Wirken von Herrn Donald M. Hess
Donald M. Hess, gebürtiger Berner, hat in seinem langen unternehmerischen Wirken immer wieder neue Aufgaben angepackt und erfolgreich umgesetzt. In eine Bierbrauerfamilie hineingeboren, musste er im Alter von 20 Jahren das elterliche Geschäft übernehmen. In den 1960er-Jahren erwarb er die St. Petersquelle in Vals und brachte mit der Mineralwassermarke „Valser“ Schwung in den Schweizer Getränkemarkt. Später stieg Herr Hess in die Weinproduktion und den Weinhandel ein. Seit dem Verkauf von Walser an Coca-Cola konzentriert sich der engagierte Sammler zeitgenössischer Kunst auf seine sieben Weinkellereien, die auf vier Kontinenten liegen.
Diese verschiedenen Etappen zeigen eindrücklich, dass Donald M. Hess unternehmerisch immer wieder zu neuen Ufern unterwegs ist und sich in kein bestimmtes Schema pressen lässt. Wir durften ihn und sein Management in den letzten zehn Jahren in verschiedenen dieser Neuausrichtungsschritte unterstützen. Alle seine unternehmerischen Entscheidungen waren strategisch begründet und so vorausschauend, dass die daraus resultierenden M&A-Prozesse immer aus einer Position der Stärke erfolgen konnten und nie aus einer
Vom Bierbrauer zum Pionier der Valser Mineralquellen AG
Zeitlebens hat Herr Hess Märkte gesucht, wo er sich unternehmerisch entfalten konnte. Im kartellisierten Biermarkt konnte er dies nicht, sodass er daraus zurückzog und den Schritt in das Mineralwassergeschäft wagte. Er erwarb die Quellrechte in Vals und baute systematisch die Valser Mineralquellen AG auf. Weil er nicht dem stark konzentrierten Handel ausgeliefert sein wollte, baute er neben der Produktion ein eigenes Vertriebssystem auf, das unter dem Begriff „Valsermann“ bekannt wurde.
Erstmals kamen wir mit der Hess Gruppe in Kontakt, als sie Möglichkeiten zur Expansion im Mineralwassergeschäft evaluierte, unter anderem durch eine Übernahme. Die Analysen machten deutlich, dass sich das Mineralwassergeschäft in den nächsten fünf bis zehn Jahren massiv verändern würde. Der Konzentrationsprozess im Gross- und Detailhandel war absehbar und der Markteintritt von Billigwassern und Eigenmarken der Grossverteiler bereits im Gange. In der Folge wurde die anvisierte Akquisition fallen gelassen und erste Überlegungen zur Devestition von Valser angestellt.
Der Verkauf an Coca-Cola
Bevor die entscheidenden Kontakte geknüpft wurden, arbeiteten wir im Team mit dem CEO und dem Finanzchef der Hess Gruppe die Unterlagen zum Unternehmen und das Zahlenwerk auf, damit sie den Anforderungen eines internationalen Konzerns entsprachen, effiziente Verkaufsverhandlungen geführt werden und die Due-Diligence-Arbeiten erfolgen konnten. Dies geschah innerhalb relativ kurzer Zeit. Dank der perfekten Zusammenarbeit mit unserem Kunden konnte auch die Zahl der involvierten Personen auf ein Minimum beschränkt werden. Der Verkauf ging in einer exklusiven Verhandlung ohne breite Auktion über die Bühne, was dank des grossen Interesses seitens Coca-Cola möglich war.
In den Verhandlungen hatten wir nicht die typische Rolle eines M&A-Beraters inne. Nachdem wir die Unterlagen aufbereitet und Bewertungsüberlegungen angestellt hatten, handelten wir als interner Coach des Verhandlungsteams und bereiteten auf neutralem Papier die Unterlagen vor. Erst als eine Einigung über die Eckpunkte erreicht und der „Letter of Intent“ zu formulieren war, traten wir gegen aussen auf. Auf diese Weise konnte der exklusive und sehr vertrauliche Charakter der Verhandlungen aufrechterhalten werden. In sehr kurzer Zeit kam es zum Abschluss, wobei wir alle involvierten Berater koordinierten. Erst mit Abschluss des Vertrages, einen Monat nach dem „Letter of Intent“, wurde die Transaktion publik.
Das Erstaunlichste war, dass sämtliche Analysten, die von der Presse befragt wurden, den Preis um 30 bis 50% tiefer schätzten. Als ca. sechs Monate später die genauen Beträge im Geschäftsbericht von Coca-Cola erschienen, interessierte sich niemand mehr dafür. Donald M. Hess konnte das egal sein, weil er sich bereits neuen Ufern zugewandt hatte.
Der Schritt nach Australien
Die Hess Gruppe hatte bereits in den 1960er-Jahren in Kalifornien ein Standbein im Weingeschäft aufgebaut und erhielt die Vertretung der Weine von Peter Lehmann in den USA. Dieses Vertriebsrecht sollte mit einer kleinen Beteiligung untermauert werden, ein Vorgehen, das wir gängig als strategische Allianz bezeichnen. Der Zufall wollte es, dass gerade zu dieser Zeit Allied Domecq ein Übernahmeangebot für die Aktien der börsenkotierten Peter Lehmann Wines vorlegte. Herr Hess entschied sich, als „Weisser Ritter“ aufzutreten und mitzubieten. Wir waren bereits angefragt worden, ob wir die Hess Gruppe bei der Beteiligungsnahme unterstützen könnten. Als es dann um das öffentliche Übernahmeangebot ging, konnten wir dank und mit unserem Allianzpartner in Australien, Baron Partners, als „Investment Advisor“ auftreten und die verschiedenen Übernahmeangebote formulieren und dokumentieren. Diese Angebote führten in mehreren Etappen zur Übernahme. Auch dieser Prozess wurde in einer kurzen und intensiven Phase engen Teamworks mit dem Management der Hess Gruppe durchgeführt. Wir konnten jeweils während der australischen Nacht das für den nächsten Schritt benötigte Material über die Hess Gruppe aufarbeiten, das dann während der europäischen Nacht unser Kollege Paul Young in Australien in jene Dokumente und Form goss, die er für seine Interventionen vor Ort brauchte. Wir waren ein kleines und sehr effizientes Team, das unter Ausnützung der Zeitunterschiede gleich rasch handeln konnte, wie ein Käufer vor Ort. Seit 2003 ist die Peter Lehmann Wines Teil der Hess Gruppe.
Der operative Rückzug aus der Schweiz
Der strategische Umbau der Hess Gruppe ging weiter: In der Schweiz wurde die Münsterkellerei an die Eichhof Gruppe und die Blausee AG mit den Betrieben am Blausee und auf der St. Petersinsel an Max Lienhard, den langjährigen CEO der Hess Gruppe, verkauft. Heute ist die Hess Gruppe weltweit im Weingeschäft tätig und Eigentümerin einer bedeutenden Sammlung zeitgenössischer Kunst. In der Schweiz hält sie Liegenschaften und Restaurationsbetriebe. Im Gespräch mit Herrn Hess sind seine Berner Wurzeln spürbar, seinen Blick aber hat er auf die Welt gerichtet. Er ist ein Kosmopolit. Philipp II. hätte die passenden Worte gefunden: Über den Weinbergen von Herrn Hess geht die Sonne nicht unter.
Es war für uns eine herausfordernde und befriedigende Aufgabe, Herrn Hess und sein Management bei diesem Umbau zu begleiten. Einige der Prozesse konnten wir führen, andere im Rahmen des Teams unterstützen. Nie war die Rollenaufteilung von Prestige bestimmt, sondern immer von der im jeweiligen Moment richtigen und effektiven Konstellation. Einmal begonnene M&A-Prozesse konnten so rasch umgesetzt werden. Ebenfalls gefreut haben wir uns über die Möglichkeit, Partner aus unserer internationalen Allianz von M&A International Inc. beizuziehen.
Wir danken den Herren Donald M. Hess, Max Lienhard und Marius Grossrieder für das stets grosse Vertrauen. Wir hatten Gelegenheit, unser Know-how einzubringen, und wir haben einiges dabei gelernt.
* Dr. Peter M. Binder, Partner, Binder Corporate Finance AG, Bern und Zürich; Mitglied Executive Committee von M&A International Inc.